Marvin Kewe
Artist Statement
Ich fotografiere Situationen, die nicht für die Kamera entstanden sind. Menschen im Alltag, zufällige Begegnungen, Orte, Licht, Linien und kleine Verschiebungen innerhalb einer Szene. Mich interessiert weniger das Außergewöhnliche als der Augenblick, in dem etwas Gewöhnliches plötzlich Bedeutung bekommt.
Meine Arbeit bewegt sich im Feld der Street Photography, ohne die Straße nur als Ort zu verstehen. Entscheidend ist für mich das unbeobachtete Leben: Momente, die bereits existieren und die ich nicht inszeniere, sondern wahrnehme, ordne und im richtigen Augenblick festhalte.
Dabei suche ich Bilder, die unmittelbar funktionieren und dennoch nicht sofort abgeschlossen sind. Ein Bild darf auf den ersten Blick durch Licht, Farbe, Komposition oder eine menschliche Situation tragen. Gleichzeitig sollte etwas bleiben, das sich erst später erschließt: eine zweite Beziehung, eine Person am Rand, eine Geste, ein Widerspruch oder eine Stimmung, die zunächst nur unbewusst wahrgenommen wird.
Technik ist dabei Mittel, nicht Inhalt. Schärfe und Unschärfe, Brennweite, Licht, Farbe oder die Charakteristik eines Objektivs sollen nicht sich selbst zeigen. Sie sollen Atmosphäre schaffen, den Blick führen und einer Situation die Form geben, in der ihre Geschichte am stärksten sichtbar wird. Perfektion ist deshalb nicht zwangsläufig das Ziel. Manchmal erzählt ein weicher Übergang, eine Spiegelung, Dunkelheit oder ein bewusst unvollständiger Blick mehr als maximale Klarheit.
Ich versuche, meine Bilder nicht vollständig zu erklären. Fotografie wird für mich dort interessant, wo der Betrachter selbst etwas entdecken kann. Wo ein Bild offen genug bleibt, um einen eigenen Gedanken zuzulassen, aber präzise genug ist, um eine Richtung vorzugeben.
Zu den Künstlern, die meine fotografische Wahrnehmung besonders beeinflusst haben, gehören Morten Albek, Siegfried Hansen und Bruce Davidson. Nicht als stilistische Vorbilder, die es nachzuahmen gilt, sondern durch unterschiedliche Gedanken darüber, wie man sieht und was ein Bild leisten kann.
Bei Morten Albek interessiert mich die Konzentration: die Bereitschaft, länger zu schauen, sich auf ein Motiv einzulassen und nicht mit der ersten offensichtlichen Aufnahme zufrieden zu sein.
Siegfried Hansen steht für die formale Seite des Sehens – für Linien, Flächen, Farbe und die Fähigkeit, im scheinbaren Chaos des öffentlichen Raums für einen kurzen Moment eine Ordnung sichtbar zu machen.
Bruce Davidson hat mich vor allem durch die menschliche Seite der Fotografie geprägt: Nähe ohne Inszenierung, Respekt gegenüber dem Gegenüber und Bilder, deren Wirkung nicht vollständig aus dem unmittelbar Sichtbaren entsteht.
Meine eigene fotografische Arbeit entsteht zwischen diesen Polen: zwischen Ordnung und Zufall, zwischen Distanz und Nähe, zwischen dem ersten Eindruck und dem, was ein Bild erst beim längeren Betrachten preisgibt.
Marvin Kewe lebt und arbeitet in Ammerbuch bei Tübingen. Unter 72119 Photography entwickelt er eine fotografische Arbeit mit Schwerpunkt auf Street Photography und Fine-Art-Prints. Im Mittelpunkt stehen unbeobachtete Situationen des Alltags, menschliche Beziehungen und die visuelle Ordnung flüchtiger Momente.
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